Wohnen in Deutschland

 

 

Von der Großfamilie zum Singlehaushalt: Die Art der Deutschen zu wohnen, hat sich verändert. Jede Wohnform hat ihre Vor- und Nachteile. Und sie hat Konsequenzen für den Wohnungsmarkt und die Gesellschaft insgesamt.

 

Wohnen bestimmt entscheidend unseren Lebensalltag. Ob wir in einer Mietwohnung, einem eigenen Haus oder in einer Dachkammer unser Leben verbringen. Wie Menschen wohnen, sagt etwas über sie aus. Neben den finanziellen Verhältnissen kommen auch ihre persönlichen Wertvorstellungen zum Vorschein. Wohnen in Deutschland: Das bedeutete bis in die 1930er Jahre entweder in der bäuerlichen Großfamilie auf dem Land aufzuwachsen oder für Stadtbewohner ein beengtes Dasein mit vielen Kindern auf wenig Raum.

Einpersonenhaushalte gab es in den 1930er Jahren so gut wie gar nicht. Unverheiratete lebten in Zimmern zur Untermiete. Das Bild hat sich seitdem gründlich verändert. Das Modell Großfamilie trifft man wenn, dann am ehesten noch auf dem Land an. Das stellt sich wie bei diesem Landwirt aus der Nähe von Köln so dar:

„Wir machen ja morgens zuerst die Tiere, die müssen ja gefüttert werden. Und dann wird hier draußen gearbeitet, und dann kommt mein Schwiegersohn hier rüber und dann tun wir zusammen frühstücken. Da ist auch die Zeit mal zu besprechen, was im Betrieb so alles laufen soll im Tag. Und dann nach dem Frühstück gehen wir in den Betrieb. Dann wird eingestreut und was dann alles gemacht werden muss. Und ich geh dann meistens so um elf Uhr zu meiner Tochter rüber und dann nehm ich mir den Kurzen da. Da gehen wir ‘n bisschen im Wald spazieren. Da bin ich um zwölf Uhr wieder zurück, und dann geht er essen. Und nachmittags mach ich auch noch Sachen, die eben für ‘n Betrieb sind, Buchführung und so weiter.“

 

In Deutschland hat die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe kontinuierlich abgenommen. Laut statistischen Angaben waren es im Jahr 2013 nur noch rund 285.000 Betriebe – von ehemals mehr als 900.000 im Jahr 1975. Der Großteil von ihnen wird aber nach wie vor von Familien betrieben. Und da tauscht man sich – wie bei dem Landwirt aus der Nähe von Köln – beim gemeinsamen Frühstück schon malaus, bespricht, was am Tag so getan werden muss, wie alles laufen soll. So muss Stroh, das die Ausscheidungen der Tiere aufnimmt, in den Ställen verteilt werden. Es muss eingestreut werden.

Auch die Buchführung muss gemacht werden, vereinfacht gesagt, die genaue Kontrolle und Auflistung aller Einnahmen und Ausgaben. Auch die Kinderbetreuung will besprochen sein. So kümmert sich der Großvater auch mal um seinen Enkel, den Kurzen, eineliebevolle Bezeichnung für den Jüngsten in der Familie. Auch die Töchter des Landwirts schätzen das Leben auf dem Land und im Familienverband:

 

„Man sieht sich mehr, man kann sich mehr austauschen. Natürlich für mich ist es 'n unheimlicher Vorteil, die Kinder zu den Großeltern schon mal als Babysitting abzugeben oder zur Schwester oder so. Und dann gehst du mal eben schnell rüber oder gehst mal ‘n Kaffee trinken und so. Und das ist immer schön. / Also ich hab mal in ‘ner Stadt gewohnt und ich hab nach der Ausbildung vier Jahre gearbeitet. Dann hab ich mich entschlossen, wieder zu studieren. Und ich hab damals extra mal mich so entschieden, dass ich gesagt hab: ‚Ich möchte mitten in die Stadt. Ich will mal sehen wie das ist.‘ Und ich muss sagen, also nach zwei Jahren, obwohl ich jedes Wochenende und jede zwei, drei Tage immer hier rausgekommen bin, weil ich ja immer das Pferd hier hatte, hab ich das nach zwei Jahren nicht mehr ausgehalten.“

 

Ein Leben im Familienverband ist selten geworden. Die Zahl der Haushalte mit mehr als vier Personen liegt in der Bundesrepublik Deutschland nach statistischen Angaben unter zehn Prozent. Dagegen ist die Zahl der Einpersonenhaushalte seit den 1970er Jahren bis heute deutlich gestiegen – auf mehr als 40 Prozent. Einen Grund dafür nennt der ehemalige Chef der Kölner Interessenvertretung von Vermietern, des Haus- und Grundbesitzervereins, Hanns Schaefer:

 

„Nach dem Statistischen Bundesamt wird jede dritte Ehe geschieden. Das heißt der Druck auf den Markt lässt nicht nach, sondern nimmt zu. Und jede Scheidung bedeutet eine Wohnung mehr, die gesucht wird. Und immer nur von Einzelpersonen – wie man heute sagt Singles.“

 

Die Nachfrage nach Wohnraum vor allem in Städten ist enorm, der Druck auf den Wohnungsmarkt lässt nicht nach, hört nicht auf. Zu der gestiegenen Zahl von Ehescheidungen kommt, dass ältere Menschen, wenn ihr Partner gestorben ist, solange allein in ihrer Wohnung bleiben wie es geht. Außerdem suchen junge Menschen, die zum Studium in die Stadt ziehen, ebenfalls eine eigene Wohnung. Das Angebot dort aber ist gering, es herrscht eine Wohnungsknappheit. Denn in Deutschland wurden seit Mitte der 1980er Jahre immer weniger neue Wohnungen in den Städten gebaut.

Die Konsequenz: Die Preise steigen – und nur diejenigen, die es sich finanziell leisten können, finden eine Wohnung in der Stadt selbst. Finanziell schwächere Einkommensgruppen haben das Nachsehen. Nicht nur aus finanziellen Gründen erfreut sich vor allem unter Studentinnen und Studenten eine Wohnform weiter besonderer Beliebtheit: die Wohngemeinschaft, kurz WG. Auch Inka hat sich für eine WG entschieden und teilt sich mit zwei weiteren Studentinnen eine kleine Altbauwohnung in Köln:

 

„Jeder hat sein einzelnes Zimmer. Das sind drei Zimmer, die werden so als Privatzimmer benutzt und ein Zimmer ist dann als Küche und Gemeinschaftsraum umfunktioniert. Und jeder bezahlt seinen Anteil für sein kleines Zimmer. Und sonst wird Küchenbenutzung eben geteilt. Dann haben wir ein kleines Bad, und dort hat jeder eigentlich auch so seinen Bereich, seine Sachen, die er so unterstellt. Oder es wird aufgeteilt, wer im Bad putzen muss, im Flur und in der Küche. Bestimmte Einkäufe teilt man auch – wie zum Beispiel jetzt Hygieneartikel. So die Haushaltsführung an sich, die ist eigentlich getrennt, das heißt jeder besorgt so seine Lebensmittel und versorgt sich so eigentlich selbst. Gekocht wird auch getrennt, es sei denn bei besonderen Gelegenheiten, dass man sich so zusammensetzt und bisschen zusammen diskutiert oder.“

 

In einer Wohngemeinschaft teilen sich drei bis sechs Personen eine Wohnung, nur selten sind es mehr. Meist hat jeder ein eigenes Zimmer, Küche und Bad werden gemeinsam benutzt. In Inkas WG besorgt jede der Mitbewohnerinnen das, was zum Leben benötigt wird selbst. Nur Dinge wie etwa Putzmittel, die zur Sauberkeit im Haushalt, der Hygiene, notwendig sind, werden gemeinsam gekauft. So können weniger Streitigkeiten entstehen, als wenn es eine Gemeinschaftskasse gibt, aus der alles bezahlt wird. Das Wohnen in einer WG bedeutet zwar weniger Komfort und erfordert, sich auf andere einzustellen. Es ist aber sehr preiswert und vor allem geselliger als das Einzeldasein.

 

Allerdings werden Singlehaushalte – zumindest wenn man den Prognosen der Statistiker glaubt – bis 2030 noch zunehmen, auf deutlich mehr als 40 Prozent. Das hat Vor- und Nachteile: Es ist ein Ausdruck individueller Unabhängigkeit, birgt auf der anderen Seite aber auch die Gefahr zunehmender Vereinsamung sowie einer Verschärfung der Wohnungssituation in den Städten in sich. Generell kann man aber feststellen, dass verglichen mit den 1930er Jahren eine wesentlich größere Vielfalt an Wohnformen existiert: von der Großfamilie bis zur Senioren-Wohngemeinschaft ist alles möglich.

 

©dw

 

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